AYF BLOG

Hier findest du Gedanken und Inspirationen zu Yogapraxis und -philosophie im Allgemeinen, Ashtanga Yoga im Besonderen oder Essays zu anderen Themenfeldern, die mit dem interdisziplinären Feld Yoga verwoben sind.

Textbeitrag AYF 11.2025

Ein Brückenschlag zur tantrischen Perspektive

durch die schwere Nässe des Herbstlaubes weht sachte der Ruf nach Rückzug und Ruhe, dann wieder ein Anflug von Dynamik und Aktivität in jedem windigen Rascheln und jedem klaren Sonnenstrahl. 

Es sind nicht nur Jahreszeit und Wetter, die unser Innen-erleben färben und sich in allen Ocker-Tönen des Seins in uns manifestieren. 

Als eingebundene Entitäten, als Teilchen eines Großen, Allesumspannenden, bleiben wir nie unberührt von der uns einschließenden Atmosphäre.

Es sind all die Formen, Farben, Töne und Energien, die uns umgeben, die uns bewusst oder unbewusst einbetten in ihre Kräfte.

Es ist ziemlich simpel: Wir könnten ohne dieses kosmische Habitat nicht existieren. Das Wunder der Natur hat jedem Organismus eine Aufgabe in dem Gesamtgeflecht zugewiesen. Wir alle brauchen einander, um zu leben.

Beispiel ATMEN: Wir alle – Pflanzen, Tiere, Menschen – werden „ge-atmet“ (denn vielmehr geschieht es, als dass wir es tun). Als Mensch nehmen wir den Sauerstoff aus unserer direkten Umgebung auf, 

nutzen diese Energie für die bio-chemischen Vorgänge in unserem Körper und geben als Geschenk Kohlenstoffdioxid wieder an die Atmosphäre ab, das dort wiederum den Pflanzen als Energie aufgenommen wird und für deren inneren Prozesse zur Verfügung steht.

In einer idealen Welt also steht für alle immer alles Benötigte im richtigen Ausmaß zur Verfügung, für alle ist ausreichend gesorgt ohne zu verschwenden.

Sich diese basale Tatsache zu vergegenwärtigen, führt uns vor Augen, dass wir einen achtsamen Umgang mit unseren Ressourcen, unserer Mitwelt uns selbst pflegen müssen.

Worauf dieser Text hinaus will ist dieser Aspekt: 

Unsere individuelle Energie ist im kontinuierlichen Wechselspiel mit dem Außen verflochten. Wir strahlen aus und nehmen auf. 

Energie umfasst alles Feinstoffliche, wie Gedanken und Gefühle, Bedürfnisse und Empfindungen – beispielsweise Tatkraft versus Lustlosigkeit, Schwere versus Leichtigkeit und alle Facetten des Spektrums.

Im Tantra* (übersetzt aus dem Sanskrit in etwa: Webstuhl, Netz, Zusammenhang), dessen immanentes Weltbild das untrennbare Verwobensein von allem mit allem ist, beschreibt es so:  

Was es im Außen nicht gibt (Makrokosmos), gibt es auch nicht im Inneren des Körpers (Mikrokosmos) und umgekehrt. 

Wenn du beispielsweise innere Unruhe als ein Grundgefühl bei dir (er-)kennst, das im Hintergrund von latenter Sorge oder Lethargie begleitet ist, dann kann dies mit der globalen Situation, die sich unruhig, unsicher und ungewiss darstellt, zu tun haben. Dieses Gefühl von Unsicherheit auf individueller Ebene kommt also nicht von ungefähr.

Diese Erkenntnis kann ein Antrieb sein, Vertrauen und Kraft durch Reflexion und Praxis zu generieren. Durch ein Kultivieren von hilfreichen Energien wirken wir bewusst und unbewusst auf unser Umfeld ein und versetzen uns selbst in die Lage geschickt zu handeln, um Dinge in unserem Einflussbereich wieder ins Lot zu bringen. 

Nutzen wir die Kraft der Praxis von Yoga (und damit auch von Tantra) und begeben wir uns auf die abenteuerliche Reise nach innen, hin zu unseren Energien, erforschen wir psycho-somatische Empfindungen wie Spannung und Relaxation, Enge und Durchlässigkeit, Dichte und Weite… 

Ein Kräftigen der Muskulatur lässt uns mitunter Selbstwirksamkeit und Zuversicht erleben. 

Ein Einstimmen in Leichtigkeit lässt uns vielleicht Widrigkeiten jenseits der Matte leichter meistern. 

Ein Gründen in Gleichmut lässt und unsere Verstrickungen erkennen und Vieles mehr.

In diesem Sinne: Komm auf die Matte, komm zu dir.

* mittelalterlich Praxisströmung und Textkorpus (ca. 5. Bis 13. Jh), die sich über den gesamten indischen Subkontinent ausgebreitet hat und auf dessen Philosophie und Praxis unser moderner bzw. post-lineage Yoga unter anderem fußt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Tantra sich mit Energien befasst und diese durch die Praktizierenden wahrgenommen und gelenkt werden.